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Eine kleine Seele – Teil 1

By on 18. Dezember 2018, in Kurzgeschichten

Einmal, vor zeitloser Zeit, da war eine kleine Seele, die sagte zu Gott: „Ich weiss, wer ich bin!“

Und Gott antwortete: „Oh, das ist ja wunderbar! Wer bist du denn?“

Die kleine Seele rief: „Ich bin das Licht!“

Und auf Gottes Gesicht erstrahlte das schönste Lächeln. „Du hast recht“, bestätigte er, „du bist das Licht!“

Da war die kleine Seele überglücklich, denn sie hatte genau das entdeckt, was alle Seelen im Himmelreich herausfinden wollen. „Hey“, sagte die kleine Seele, „das ist ja Klasse!“

Doch bald genügte es der kleinen Seele nicht mehr, zu wissen, wer sie war. Sie wurde unruhig, ganz tief drinnen, und wollte nun sein, wer sie war.

So ging sie wieder zu Gott. Sie sagte: „Hallo Gott! Nun, da ich weiss, wer ich bin, könnte ich es nicht auch sein?“

Und Gott antwortete der kleinen Seele: „Du meinst, dass du sein willst, was du schon längst bist?“

„Also“, sprach die kleine Seele, „es ist schon ein Unterschied, ob ich nur weiss, wer ich bin, oder ob ich es auch wirklich bin. Ich möchte fühlen, wie es ist, das Licht zu sein!“

„Aber du bist doch das Licht“, wiederholte Gott, und er lächelte wieder.

Doch die kleine Seele jammerte: „Ja, aber ich möchte doch wissen, wie es sich anfühlt, das Licht zu sein!“

Gott schmunzelte: „Nun, das hätte ich mir denken können. Du warst schon immer recht abenteuerlustig. Es gibt da nur eine Sache …“, und Gottes Gesicht wurde ernst.

„Was denn?“ fragte die kleine Seele.

„Nun. Es gibt nichts Anderes als Licht. Weisst du, ich habe nichts Anderes erschaffen als das, was du bist. Und deshalb wird es nicht so einfach für dich, zu werden, wer du bist. Denn es gibt nichts, das nicht so ist wie du.“

„Wie?“ fragte die kleine Seele und war ziemlich verwirrt.
„Stell es dir so vor“, begann Gott, „du bist wie der Schein einer Kerze in der Sonne. Das ist auch richtig so. Und neben dir gibt es noch viele Millionen Kerzen, die gemeinsam die Sonne bilden. Doch die Sonne wäre nicht die Sonne, wenn du fehlen würdest. Schon mit einer Kerze weniger wäre die Sonne nicht mehr die Sonne, denn sie könnte nicht mehr ganz so hell strahlen. Die grosse Frage ist also: Wie kannst du herausfinden, dass du Licht bist, wenn du überall von Licht umgeben bist?“

Da sagte die kleine Seele frech: „Du bist doch Gott! Überlege dir halt etwas!“

„Du hast recht!“ sagte Gott und lächelte wieder. „Und mir ist auch schon etwas eingefallen. Da du Licht bist und dich nicht erkennen kannst, wenn du nur von Licht umgeben bist, werden wir dich einfach mit Dunkelheit umhüllen.“

“Was ist denn Dunkelheit?“ fragte die kleine Seele.

Gott antwortete: „Die Dunkelheit ist das, was du nicht bist.“

„Werde ich Angst davor haben?“ rief die kleine Seele.

„Nur, wenn du Angst haben willst“, antwortete Gott. „Es gibt überhaupt nichts, wovor du dich fürchten müsstest, es sei denn, du willst dich fürchten. Weisst du: die ganze Angst denken wir uns nur selbst aus.“
„Oh!“, die kleine Seele nickte verständig und fühlte sich gleich wieder besser.

Dann erklärte Gott, dass oft erst das Gegenteil von dem erscheinen müsse, was man erfahren wolle. „Das ist ein grosses Geschenk“, sagte Gott, „denn ohne das Gegenteil könntest du nie erfahren, wie etwas wirklich ist. Du würdest Wärme nicht ohne Kälte erkennen, oben nicht ohne unten, schnell nicht ohne langsam. Du könntest rechts nicht ohne links erkennen, hier nicht ohne dort und jetzt nicht ohne später. Und wenn du von Dunkelheit umgeben bist“, schloss Gott ab, „dann balle nicht deine Faust, und erhebe nicht deine Stimme, um die Dunkelheit zu verwünschen. Sei lieber ein Licht in der Dunkelheit, statt dich über sie zu ärgern. Dann wirst du wirklich wissen, wer du bist, und alle anderen werden es auch wissen. Lass dein Licht scheinen, damit die anderen sehen können, dass du etwas Besonderes bist.“

„Meinst du wirklich, es ist in Ordnung, wenn die anderen sehen können, dass ich etwas Besonderes bin?“

„Natürlich!“ Gott lächelte. „Es ist sogar sehr in Ordnung. Doch denke immer daran: etwas Besonderes zu sein heisst nicht, ‚besser’ zu sein. Jeder ist etwas Besonderes, jeder auf seine Weise. Doch die meisten haben das vergessen. Erst wenn sie merken, dass es für dich in Ordnung ist, etwas Besonderes zu sein, werden sie begreifen, dass es auch für sie in Ordnung ist.“

„Hey!“ rief die kleine Seele und tanzte, hüpfte und lachte voller Freude. „Ich kann also so besonders sein, wie ich will!“

„Ja, und du kannst auch sofort damit anfangen“, sagte Gott, und tanzte, hüpfte und lachte mit der kleinen Seele. „Wie möchtest du denn besonders gerne sein?“

„Was meinst du mit wie?“ fragte die kleine Seele. „Das verstehe ich nicht…“

 

Zu Teil 2

 

(Quelle: Neale Donald Walsh)

 

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