Man tut, was man kann

By on 1. Dezember 2018, in Kurzgeschichten

Eines Morgens ritt ein stolzer Samurai auf seinem Pferd durch den dichten Wald. Der mächtige Krieger, der gerade seine erste Schlacht verloren hatte, war ausser sich vor Wut, schämte sich zutiefst über sein Versagen und fand sich selbst des Lebens nicht mehr würdig. Er überlegte, wie er sich das Leben nehmen könnte, weil er in seinen Augen das Gesicht und somit sein Ansehen und seine Ehre verloren hatte.

In Gedanken versunken überquerte er schnaufend und brüllend einen verschlungenen Weg, als er plötzlich etwas auf dem Boden liegen sah. Mit gezieltem Zügelgriff brachte der Krieger sein Pferd zum Stehen. Der Samurai erblickte einen kleinen Spatz, der auf dem Rücken lag und seine beiden winzig kleinen Füsschen zum Himmel emporstreckte.

»Was machst du da? Geh mir aus dem Weg, du nutzloser Vogel!«, rief der Samurai verärgert.

»Ich kann nicht«, antwortete der kleine Spatz ganz gelassen und selbstbewusst.

»Wieso nicht? Du hast doch Flügel und kannst fliegen!«, schnauzte der entrüstete Krieger.

»Ja, das schon, aber ich habe eine sehr wichtige Aufgabe zu erfüllen. Ich kann hier nicht weg! Man hat mir gesagt, dass der Himmel heute auf die Erde fallen wird. Also liege ich jetzt hier, strecke meine Beine aus und warte, bis der Himmel herunterfällt. Ich werde ihn dann mit meinen Füssen auffangen!«, erwiderte der kleine Vogel mit ernster Miene.

»Was?« Der Samurai schrie und hielt sich den Bauch vor Lachen. »Du kleiner Spatz willst den Himmel mit deinen Füssen halten?«

Der kleine Vogel antwortete beherzt: »Tja, man tut, was man kann!«

 

(Quelle: «Das Tao der Worte»)

 

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